Monatsgedanke Oktober 2025

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HERBSTFLUG
So langsam sehen wir schon die Blätter sich verfärben: gelb und rot und braun. Der Herbst beginnt. Immer wieder sehen wir Eltern und Kinder auf die Felder gehen und Drachen steigen lassen.

Wer es selbst als Kind gemacht hat, kann sich vielleicht an das Gefühl erinnern, wie das ist, wenn nach manchem vergeblichen Versuch, als der Drache wieder einfach auf den Boden stürzte, plötzlich der Wind den Drachen packt und hinaushebt in den Himmel. Wie uns dann die Luft ausging vom Rennen und vom Staunen! Wie herrlich das Gefühl, mit diesem Drachen am Himmel durch eine Schnur verbunden zu sein, ihn tiefer zu holen und wieder steigen zu lassen, jede Bewegung des Windes zu spüren – und fast das Gefühl, mit diesem Drachen selbst zu fliegen.

Inzwischen sind wir erwachsen. Wir haben manche Träume aufgeben und manches Liebgewordene loslassen müssen. Manchmal geht uns die Puste aus von den Anforderungen, die wir zu bewältigen haben.

Aber es ist schön, die Gedanken fliegen zu lassen, über das Heute hinaus. Wir fliegen über die Zeiten hinweg und schauen von weit oben auf unser Leben.

Wir sehen, was wir Schönes haben und was uns gelungen ist. Wir sehen, was uns traurig macht, wo wir an Grenzen stossen und womit wir andere verletzen. Wir sehen, wo Gott es gut gemacht hat, obwohl wir gar nicht mehr wussten, wie es weitergehen soll. Wir sehen, wie oft Gott uns beschenkt hat, ohne dass wir es verdient hätten.

Wir fliegen mit unseren Gedanken und Erinnerungen zwischen Himmel und Erde wie der Drache. Es gibt eine Schnur zur Erde, wo wir stehen und wo unser Leben stattfindet.

Aber es gibt auch den Wind, der uns zum Himmel zieht.

Wir spüren manchmal, dass wir nur halb hier zu Hause sind. Dass unsere Lebensreise nicht nur hier auf dem Boden stattfindet, sondern dass wir zu Erde und Himmel gehören.

Unser Körper bewegt sich auf dem Boden. Unser Geist aber kann fliegen und weiss, dass die Reise höher hinausgeht, als unsere Füsse uns tragen.

Mit Gottes Geist werden wir uns noch weiter erheben können und bis in den Himmel fliegen. Unsere Lebensreise mit Gott geht weiter. Der Himmel steht offen – für uns.

Pfarrerin Judith Lena Böttcher