Bereitgestellt: 03.12.2025
Unangenehme Gedanken zu Weihnachten
Ich wurde diesen Herbst eines Besseren belehrt. Es war keine angenehme Erfahrung, aber eine wichtige. Ich möchte Ihnen davon erzählen.
Es war an einer landeskirchlichen Tagung, Thema war der Schutz vor sexualisierter Gewalt durch Amts-
träger:innen in unserer Kirche, Ziel ein schweizweites Schutzkonzept sowie eine Meldestelle für Betroffene. Ich ging natürlich hin, aber insgeheim dachte ich: In der römisch-katholischen Kirche, aber doch nicht bei uns in der reformierten Kirche Rapperswil-Wengi!
Das Fallbeispiel zum Einstieg der Tagung war happig. Die geschilderten Vertrauensbrüche und Übergriffe gingen mir ans Herz und ich fand es schwer erträglich, schon nur davon zu hören. Bequemerweise war der Täter ein junger Diakon und ich fühlte mich vorerst in meinem Vorurteil bestärkt. Bereits nach kurzer Zeit begann mir aber zu dämmern, dass beides Teil des Problems ist: Dieses mein Denken, dass es das bei uns nicht gibt, wie auch meine emotionale Reaktion, am liebsten davon nichts hören zu wollen.
Zwei Dinge begriff ich: Erstens sind die Möglichkeiten für jemanden mit eindeutig zweideutigen Absichten im kirchlichen Kontext schier unendlich – Hausbesuche, Arbeit mit Kindern, entgegengebrachter Vertrauensvorschuss und anderes mehr begünstigen sexuellen und geistlichen Missbrauch. Zweitens bin ich Teil des Problem. Die Haltung «Bei uns doch nicht» macht mich blind. Und der Drang wegzuschauen, weil es schier unerträglich ist, von Übergriffen schon nur zu hören, schafft eine Kultur des «Nicht-sehen-Wollens».
Das hat mir ganz grundsätzlich zu denken gegeben, nicht nur für unsere Kirche. Auch für meine Arbeit als Seelsorgerin und überhaupt in meinem Umfeld, hier «bei uns» in Rapperswil und Wengi. Mit wie vielen Menschen komme ich in Kontakt, die Übergriffe erlebt haben oder erleben, aber schweigen? Weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass niemand hören will, was sie zu sagen haben? Wie viele bräuchten mich an ihrer Seite, aber ich sehe die Hinweise nicht oder will sie nicht sehen?
Jetzt, wo es in Richtung Weihnachten geht und allerorts wieder die heile Familie inszeniert werden soll, denke ich an diese Tagung zurück. Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das Zuhause, unabhängig von sozialem Stand oder kultureller Herkunft. Die meisten Übergriffe an Kindern - Mädchen und Jungen gleichermassen - geschehen im Bekannten- und Verwandtenkreis, auch während in der Wohnstube der geschmückte Tannenbaum steht. Für Männer, auch sie manchmal Betroffene, ist die Scham noch grösser, darüber zu sprechen. Und unsere Kirche bietet mannigfaltig Möglichkeiten, dass Amtsträger:innen unter dem Deckmantel des Vertrauens übergriffig werden könnten.
Ich will hinsehen. Bitte helfen Sie mit.
Lilian Fankhauser
Es war an einer landeskirchlichen Tagung, Thema war der Schutz vor sexualisierter Gewalt durch Amts-
träger:innen in unserer Kirche, Ziel ein schweizweites Schutzkonzept sowie eine Meldestelle für Betroffene. Ich ging natürlich hin, aber insgeheim dachte ich: In der römisch-katholischen Kirche, aber doch nicht bei uns in der reformierten Kirche Rapperswil-Wengi!
Das Fallbeispiel zum Einstieg der Tagung war happig. Die geschilderten Vertrauensbrüche und Übergriffe gingen mir ans Herz und ich fand es schwer erträglich, schon nur davon zu hören. Bequemerweise war der Täter ein junger Diakon und ich fühlte mich vorerst in meinem Vorurteil bestärkt. Bereits nach kurzer Zeit begann mir aber zu dämmern, dass beides Teil des Problems ist: Dieses mein Denken, dass es das bei uns nicht gibt, wie auch meine emotionale Reaktion, am liebsten davon nichts hören zu wollen.
Zwei Dinge begriff ich: Erstens sind die Möglichkeiten für jemanden mit eindeutig zweideutigen Absichten im kirchlichen Kontext schier unendlich – Hausbesuche, Arbeit mit Kindern, entgegengebrachter Vertrauensvorschuss und anderes mehr begünstigen sexuellen und geistlichen Missbrauch. Zweitens bin ich Teil des Problem. Die Haltung «Bei uns doch nicht» macht mich blind. Und der Drang wegzuschauen, weil es schier unerträglich ist, von Übergriffen schon nur zu hören, schafft eine Kultur des «Nicht-sehen-Wollens».
Das hat mir ganz grundsätzlich zu denken gegeben, nicht nur für unsere Kirche. Auch für meine Arbeit als Seelsorgerin und überhaupt in meinem Umfeld, hier «bei uns» in Rapperswil und Wengi. Mit wie vielen Menschen komme ich in Kontakt, die Übergriffe erlebt haben oder erleben, aber schweigen? Weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass niemand hören will, was sie zu sagen haben? Wie viele bräuchten mich an ihrer Seite, aber ich sehe die Hinweise nicht oder will sie nicht sehen?
Jetzt, wo es in Richtung Weihnachten geht und allerorts wieder die heile Familie inszeniert werden soll, denke ich an diese Tagung zurück. Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das Zuhause, unabhängig von sozialem Stand oder kultureller Herkunft. Die meisten Übergriffe an Kindern - Mädchen und Jungen gleichermassen - geschehen im Bekannten- und Verwandtenkreis, auch während in der Wohnstube der geschmückte Tannenbaum steht. Für Männer, auch sie manchmal Betroffene, ist die Scham noch grösser, darüber zu sprechen. Und unsere Kirche bietet mannigfaltig Möglichkeiten, dass Amtsträger:innen unter dem Deckmantel des Vertrauens übergriffig werden könnten.
Ich will hinsehen. Bitte helfen Sie mit.
Lilian Fankhauser
